Schattenwelt

Veröffentlicht auf von Mirjakätzchen

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Wir haben den Sommer der Gewitter und Unwetter. Bei uns liegt die Kirche noch in der Mitte des Dorfes, ich komme jeden Tag dran vorbei, auch wenn ich nur kurz zum Bäcker gehe. Der Blitz hat wieder einmal eingeschlagen, die Uhr in der Kirchturmspitze ist wieder einmal stehen geblieben. Mir kommt dann immer in den Kopf „die Zeit bleibt stehen“. Was für mich soviel heißt, ich bin immer noch eine „Suchende“, die innere Unruhe ist noch da. Ich komme nicht weiter und meine Uhr bleibt gerade stehen. Ein Zufall? Ich glaube schon lange nicht mehr an Zufälle. Wenn ich zurückdenke gibt es nicht einen sogenannten Zufall, der nicht irgend etwas zu bedeuten hatte letztendlich. Es wird ganz einfach wieder Zeit, Gedanken zu ordnen und zu sehen, was ich eigentlich will. Den roten Lebensfaden wiederfinden. Mir fällt dazu sofort ein altes Kloster in der Nähe ein, dort kann ich mir sehr gut den Luxus gestatten mich mal einen Nachmittag nur mit mir zu beschäftigen- und auch den hässlichen schwarzen Fratzen in meiner Seele.
                                         
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Klöster haben mir schon immer gefallen, seit meiner Kindeheit mag ich den leicht morbiden Charme alter Klosterbögen. Sie erzählen soviel wenn man genau hinhört- oder sind das die unbekannten Früchte der eigenen Seele? Jedenfalls hat es für mich etwas sehr spirituelles. Von außen eher unscheinbar und hässlich- innen einfach monumental. Ein beeindruckender Kreuzgang, ein umwerfend schöner Klosterhof, natürlich auch die wunderbare Kathedrale und der ausladende Klostergarten. Irgendwie alles nicht von dieser Welt. Balsam für den geschundenen Körper und die müde Seele. Klöster beeindrucken mich mehr als Schlösser. Ein Kloster heißt für mich Prunk und Bescheidenheit in perfekter Harmonie. Schlösser sind überladen und etwas dekadent für mich. Wenn ich durch die Klosterbögen laufe kommt mir wieder in den Sinn, dass die Außenwelt immer mein Innenleben widerspiegelt. Es wimmelt überall von skurrilen Figuren und Symbolen, in Stein gemeißelt. Ich setze mich gerne auf eine alte Parkbank im Schatten eines Nussbaums, am Rande des Gartens. Ein Totenkopf starrt mich gebannt an. Vorher ist mir der noch nicht aufgefallen, war er immer schon an dieser Stelle? Jedenfalls- es passt, ich glotze zurück, bin selbst todmüde, dadurch auch sehr gelassen und kann mich auf die Reise in meine Seele einlassen. Ich wehre mich nicht. Totenkopf- Tod- soll ich jetzt etwa über das Sterben nachdenken, hier, an diesem magischen Ort? Meine Zeit steht....ich habe Muße zum Meditieren.....soll ich jetzt durch meine Schattenwelt schweben und symbolisch sterben? Ich habe in meinem Leben die Zeit angehalten und verhindert, dass es in meinem Leben Nacht wird.....also kann es auch keinen neuen Morgen für mich geben. Die Bibel spricht immer von der Erleuchtung kommt es mir in den Sinn. Wer erleuchtet werden will muss erstmal das totale Gegenteil erleben? Das wäre die totale Verfinsterung.....Ich möchte meine Schattenwelt genauer betrachten- wie sieht meine eigene Nacht genau aus? Welche Bilder bekomme ich in meiner Nacht zu sehen? Also lasse ich es jetzt und an dieser Stelle Nacht werden für mich. Meine Nacht bricht über mich herein und reisst mich mit. Ich sehe dunkle, hässliche Fratzen die wie in einem Film an meinem inneren Auge vorbei schreiten. Sie scheinen mir verzerrt und auf eine sehr eigene Art sehr real und bekannt. Kein Wunder-das ist ein Teil von mir, meine eigenen Schatten. Allerdings halte ich meine dunkle Seite heute kaum aus und komme wieder zu mir. Wie in Trance, noch halb schlafend setzte ich mich aufs Gras, in die Sonne...die mich wieder richtig wachküsst. Ich schau mich wieder im Klostergarten um. Diesmal bleibe ich an einer Skulptur hängen, die ein Neugeborenes darstellt. Sterben um wieder geboren zu werden? Der katholische Glauben ist voll von Symbolen und Metaphern, erst wenn man sie für sich selbst erkennt bekommt das alles auch einen Sinn. Durch die Nacht dem neuen Morgen zugehen. Das Leben besteht nunmal aus Leben und Tod- das macht das Leben aus. Wie sieht das bei mir aus? Der kleine Tod jeden Tag. Ich stehe auf, mache meine Arbeit, gehe schlafen. Alles beginnt, alles hört auch wieder auf. Ich brauche jetzt die Kühle der Kathedrale. Ich liebe den leicht modrigen Geruch alter Gemäuer. Direkt in der Kathedrale, dieser alten Kirche, steht wie überall und in jedem Gotteshaus der Altar- wen wunderts. Diesmal aber bleibt mein Blick am riesigen Kruzifix hängen, das direkt über dem Altar hängt. Ist heute etwas anders? Mir fällt jedenfalls wie Schuppen von den Augen dass der Gekreuzigte eindeutig in eine Richtung schaut- und beinahe auf jedem das ich bisher sah, in die gleiche. Ein Zufall? Aus unserer Sicht geht sein Blick nach Westen, also links. Dem Sonnenuntergang und dem Tod entgegen. Aus seiner eigenen Sicht schaut er nach rechts, nach Osten- dahin wo die Sonne immer wieder aufgeht. Die Kirche bedient sich immer Symbolen. Was uns als das Ende erscheint soll einen neuen Anfang darstellen. Der strahlende Anfang. Mir wird klar, wir alle müssen im Laufe unseres Lebens immer und immer wieder durch unsere Nächte wandern. Und es ist besser für uns, wir tun das freiwillig und mit einem gewissen Gleichmut. Sonst zwingt uns das Schicksal, was selten angenehm ist. Also werde ich mich der Dunkelheit stellen. Je weniger wir uns an den symbolischen Geburten und dem symbolischen Morgen freuen und festhalten, umso leichter können wir vielleicht den symbolischen Tod und die Nacht akzeptieren. Allerdings bin ich heute genug meiner Schatten begegnet und mache mich auf den Heimweg. Jedoch nicht ohne einen guten Rat von Pater Stephan. „Wenn dir etwas fehlt und du unbedingt etwas haben möchtest- bestelle es dir einfach beim Universum.“ Ob das auch funktioniert? „Probier es einfach einmal aus!“. Mir fehlt nach meiner Reise zu den Schatten meiner Seele die Kraft zu widersprechen und in Frage zu stellen. Ich werde es jedenfalls einmal versuchen, versprochen!

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Archi 02/11/2010 09:37


Hall Du :-)

Es liegt ein Stöckchen für dich in meinem Blog ^^

lg Archi


Goggi 02/10/2010 10:44


Wo ist jetzt mein Kommentar hin? Mein schöner Satz über "Back to the Future", das mir einfällt, wenn ich vom Blitz getroffene Kirchenuhren sehe und statt der Symbolik der zur Seite gerichteten
Jesublicke ich mich viel lieber der einfachen Oberflächlichkeit zu bedienen versuche oder wenigstens den Blick nach vorne empfehle... hmmm...


Goggi 02/10/2010 10:40


Also bei stehen gebliebenen Kirchturmuhren fällt mir "Back to the future ein". Das ist zwar nicht so tiefgründig, aber vielleicht bringt es mehr, sich von angenehmen Dingen - um nicht zu sagen:
oberflächlichen Dingen - aufhalten zu lassen, statt sich zu sehr in die Tragweite von Symbolen wie der Blick des Gekreuzigten zu vertiefen. Das ist nicht ein Plädoyer an die Oberflächlichkeit,
sondern die symbolische Aufforderung, den Blick nach vorne zu richten...