Armut bei uns vor der Haustüre

Veröffentlicht auf von Mirjakätzchen

Seit fast zwei Monaten arbeite ich jeden Tag ein paar Stunden zusammen mit Mitarbeitern der AWO in einem sozialen Brennpunkt in Karlsruhe. Armut hat viele Gesichter, gibt es mitten unter uns- wird nur gerne versteckt und nicht wahrgenommen.

Kleinseeäcker 2011- das sind zwei Betonblocks mit einem Spielplatz fast im Niemandsland zwischen den Stadtteilen Bulach und Oberreut,  150 Menschen wohnen hier. Etwa 50 Kinder und Jugendliche sind darunter, über die Hälfte der Bewohner lebt schon in dritter Generation von Sozialhilfe und Hartz 4. Perspektiven gibt es für diese Menschen nicht, noch nicht einmal für einen eigenen Straßennamen oder eine Straßenbeleuchtung hat es gereicht. Die Anlage wurde von der „Volkswohnung“ 1968 erbaut, seit fast drei Jahren kümmern sich Mitarbeiter der AWO mit einem Quartiersmanagement um diese Menschen am Rande der Gesellschaft.

 

 

 Es gilt hier vor allem die große Kinderarmut zu lindern. Kinderarmut in Kleinseeäcker- das bedeutet nicht, dass die Familien unter Geldmangel leiden. Kinderarmut bedeutet hier vor allem soziale Verwahrlosung. Einige der Kinder können kaum Sprechen- alle Kinder der Siedlung hungern nach Zuwendung. Kinder wie der kleine 5jährige Kevin, der 6jährige Stefan und sein kleiner Bruder Darius (4) oder Jennifer- mit 16 bereits im Teenageralter.

„Gemeinsam können wir etwas bewegen.“ - diesen Spruch haben die Sozialarbeiter vor Ort  nicht umsonst auf eine Wand in einem der AWO- Räume gemalt. Fast die Hälfte der Kinder und Jugendlichen geht auf die Förderschule, schafft es ein Kind auf die Realschule, ist man in Kleinseeäcker stolz. Die Eltern können zum Teil selbst nicht Lesen und Schreiben, Abspringer, Aufsteiger oder Vorbilder die es „geschafft haben“ gibt es nicht,  ebenso wenig soziale Kontakte außerhalb der Siedlung. Oma, Opa, Tanten, Onkel und Freunde- alle wohnen in den Blocks oder kehren irgendwann wieder in die Siedlung zurück. Genau dort setzt die Arbeit der AWO- Mitarbeiter an. Neben der üblichen Hausaufgabenbetreung und den Spielstunden im „Lichtblick“ werden zusammen mit der sozialtherapeutischen Tagesgruppe „Mafalda“ der AWO Ausflüge wie etwa in den Hochseilgarten oder die Karlsruher Kunsthalle geplant. Soziale Kontakte außerhalb der Blocks sollen bewusst gefördert werden. Mit „Hilfe zur Selbsthilfe“ sollen die Eltern selbst die Stärken und auch die Schwächen ihrer Kinder erkennen können und für diese mittelfristig einen Weg in die Gesellschaft finden, denn bereits vorhandene Hilfsstellen wurden von den Bewohnern so gut wie nicht genutzt. Man möchte nicht sehen, dass man Außenseiter ist- und bekommt von den Sozialarbeitern vor Ort jeden Tag den unbequemen Spiegel vorgehalten- darauf wird oft mit Ablehnung gerade der Erwachsenen reagiert. Die Kinder und Jugendlichen bekommen aber vorgelebt, dass es eben auch anders geht und anders sein kann.  Dazu gehört es eben auch, dass man lernt Termine einzuhalten, miteinander zu Essen mehr ist als reine Nahrungsaufnahme und auch die eigene Gesundheit als ein hohes Gut achtet. Regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen oder Zahnarztbesuche sind in Kleinseeäcker keine Selbstverständlichkeit.

 

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Finanziert wird dieses Projekt bisher von der SWR- Spendenaktion „Herzenssache“. Doch die Gelder reichen höchstens noch bis August, die Zukunft dieses Projekts steht auf mehr als wackeligen Beinen. Damit die Kinder eine Zukunft haben und nicht in Resignation, Ideenlosigkeit sowie Kriminalität enden, braucht es weitere Fördergelder. Beispiele für erfolgreiche Stadtteilsanierung und Integration gibt es gerade mit Einrichtungen wie einem Quartiersmanagement in anderen Städten (wie zum Beispiel in Stuttgart) genug. Bleiben allerdings Förderer aus, gibt es in Karlsruhe weiter ein Getto und für die Kinder keinen Weg heraus aus der Armutsfalle.

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